Simultan- vs. Konsekutivdolmetschen: Warum beide Formen doch so unterschiedlich sind

Simultandolmetschen Konsekutivdolmetschen
06.02.2017

Ein Dolmetscher ist ein Vermittler zwischen Personen, die mit der Barriere einer gemeinsamen Sprachverständigung zu tun haben. Ein exaktes Dolmetschen wandelt hierbei einen Gedanken oder Ausdruck aus einer Sprache in einen Ausdruck mit einem vergleichbaren Sinn in einer anderen Sprache um. Die Funktion des Dolmetschers ist, jedes semantische Element (auch die Betonung, sogar außerverbale wie Gestik und Mimik) sowie jede Absicht und emotiv relevante Konnotate (Zusatzbedeutungen) einer Mitteilung zu vermitteln, die der Sprecher der Ausgangssprache an den Zuhörer der Zielsprache (weiter)leiten möchte.

Dolmetscherdienste können in mehreren Varianten angeboten werden. Jedoch sind die zwei wichtigsten das Konsekutivdolmetschen sowie das Simultandolmetschen. Lassen Sie uns im Folgenden einen genaueren Blick auf diese zwei Methoden werfen.

 

Simultan

Als erstes fand die Anwendung des Simultandolmetschens oder von Simultanübersetzungen in größerem Rahmen bei den Nürnberger Prozessen statt – während einer Reihe von Militärgerichtsprozessen (1945–1946/49), die von den Alliierten des Zweiten Weltkriegs abgehalten wurden. In den späten 1940er und den frühen 1950er Jahren führten Beamte der Vereinten Nationen die Simultanübersetzung als bevorzugte Übersetzungsmethode für die Mehrheit der UN-Treffen ein, weil damit Zeit eingespart und die Qualität der Ergebnisse verbessert werden konnten. 

Beim Simultandolmetschen tragen die Teilnehmer Kopfhörer und der/die Dolmetscher/-in übersetzt die Worte des Sprechers so zeitnah, wie er oder sie in der Übertragung von der Quellsprache diese in die Zielsprache formulieren kann, währenddessen der Sprecher weiter in der Ausgangssprache spricht. Ein Dolmetscher, der in einer schalldichten Kabine sitzt, spricht in ein Mikrofon, während er klar den Sprecher der Ausgangssprache sieht und über Kopfhörer dessen Spracheinlassungen wahrnimmt. Dieses Simultandolmetschen wird über Kopfhörer in die Zielsprache der Zuhörenden übertragen.

Eine Simultanübersetzung findet in der Regel bei Kongressen oder Konferenzen statt und ist für den Simultandolmetscher eine sehr verantwortungsvolle und anstrengende Aufgabe. 

 

Konsekutiv

Beim Konsekutivdolmetschen oder der Konsekutivübersetzung spricht bzw. übersetzt der Dolmetscher,  n a c h d e m  der Sprecher der Ausgangssprache gesprochen hat. Die Sprache wird in Segmente unterteilt und der Dolmetscher befindet sich physisch vorzugsweise in der Nähe des zu übersetzenden Sprechers, hört diesem zu und macht sich zweckdienliche Notizen. Sobald der Sprecher eine Sprechpause einlegt oder seine Mitteilung beendet hat, übersetzt der Dolmetscher einen Teil der Mitteilung oder den gesamten Text in die Zielsprache. Konsekutiv übersetzte Redeteile sind in der Regel kurz. Vor fünfzig Jahren hätte der Konsekutivdolmetscher Redebeiträge von 20 oder 30 Minuten übersetzen müssen; heute gelten schon 10 oder 15 Minuten als überdurchschnittlich lang. Manchmal jedoch bittet der Dolmetscher den Redner – abhängig von Umgebung, Thema oder eigener Merkfähigkeit – nach jedem Satz oder Absatz, eine Pause zwecks Übersetzung einzulegen. Eine Satz-für-Satz-Übersetzung erfordert weniger Erinnerungsvermögen und verringert zudem die Gefahr, dass inhaltlich etwas verloren geht oder nicht präzise wiedergegeben werden kann.

Konsekutivdolmetschen wird zum Beispiel in medizinischen Zusammenhängen, vorrangig bei der Kommunikation zwischen Patienten und Ärzten oder bei Geschäftsverhandlungen eingesetzt.

 

Simultan vs. konsekutiv

Bei der Entscheidung, ob ein simultanes oder konsekutives Dolmetschen verwendet werden soll, müssen Dolmetscher und die Nutzer der Dolmetscherdienste die jeweiligen Vorteile und Grenzen dieser Modi gegeneinander abwägen.

Konsekutivdolmetscher haben mehr Kontrolle über die Situation: Sie können Unklarheiten beseitigen, um Wiederholungen bitten oder die Bedeutung eines unklaren Begriffs mittels ihrer semantischen Erfahrung und/oder IT-gestützt bestimmen.

Konsekutivdolmetschen wird nach wie vor an den meisten Ausbildungsstätten für Konferenzdolmetschen gelehrt und bildet dort didaktisch die Grundlage, sich die richtigen Techniken für das Simultandolmetschen anzueignen.

Simultandolmetschen erspart Zeit. Zum Beispiel reduziert es vor Gerichten bzw. bei juristischen Verfahren wertvolle Verfahrenszeit. Sobald zum Beispiel der Richter, Anwalt, Staatsanwalt, Gutachter, Zeuge, Kläger/Beklagte/Beschuldigte … die Frageformulierung / den Redebeitrag beendet hat, kann diese (sowie die Erwiderung des Befragten) für alle nicht-ausgangssprachkundigen Beteiligten als zeitnahe Übersetzung in deren jeweiliger Sprache erfolgen. Das ist häufig genauer, als würde der Dolmetscher erst lange Passagen mit oft unzusammenhängenden Informationen gedanklich „vorrätig“ halten, um das Gesprochene dann als Übersetzung reproduzieren zu können, wie es hingegen für das Konsekutivdolmetschen methodisch ist. Dieses Verfahren verhindert zudem oft, dass der Dolmetscher darum bitten muss, einen Redebeitrag wiederholen zu lassen.

Jeder, der ein Headset trägt, kann die Antwort des Zeugen klar und deutlich vernehmen, trotz der manchmal ungünstigen Akustik in großen Räumlichkeiten. Ein etwaiger Ermüdungsprozess des Dolmetschers wird damit minimiert, weil dessen konzentrative Anforderung, lange Redepassagen gedanklich behalten und reproduzieren zu müssen, beim Simultanübersetzen merklich reduziert bleibt. Auf dieser Beurteilungsebene erreicht die Übersetzungsmethode „simultan“ einen höheren Leistungsgrad.